Religiöser Mittelpunkt im Oberdorf

Die im Jahre 1774 erbaute St. Apolloniakapelle im Oberdorf. Von den ehemals fünf Kapellen im Bereich der Mutterpfarre St. Severin blieb sie als einzige erhalten. Vorbildlich restauriert steht sie heute unter Denkmalschutz. Foto: Hubert Beckers, Mai 1975

DIE ST. APOLLONIAKAPELLE EINSTMALS RELIGIÖSER MITTELPUNKT IM OBERDORFVon den ursprünglich fünf Kapellen, die sich in früheren Zeiten über das gesamte Gebiet der Mutterpfarre Eilendorf verteilten, ist die St. Apolloniakapelle die jüngste und auch einzige heute noch erhaltene Kapelle, wobei es sich hier um einen Bruchsteinbau mit modernem Dachreiter und Blausteingewände an der Eingangstüre handelt.

Im Jahre 1774 *1 wurde sie, zwar mit Billigung des damaligen Eilendorfer Pfarrers Christian Virnich, aber ohne Wissen und „Consensus“ des damals herrschenden Landesherrn, des Administrators Freiherr Carl Caspar von der Horst-Boisdorf (1767-1802), von zweien der sieben Eilendorfer Rotten *6 aus privaten Spenden erbaut und unterhalten.

Als dies jedoch später dem Administrator zu 0hren kam, verfügte er sofort den Abriss der Kapelle unter Strafandrohung von 20 Reichsthalern. Doch die Leute am Gringel, an der Heck und im Bruch gaben sich so schnell nicht geschlagen und baten den Administrator nun nachträglich um die nötige Genehmigung. Mit dem Landesherrn war jedoch in Sachen Ungehorsam, denn so sah er die Angelegenheit aus seiner Sicht, nicht zu spaßen und er bestand weiterhin auf den anbefohlenen Abbruch der Kapelle. Jetzt wurde die Sache bitterernst und die „0berdörfer“ setzten nun folgendes Schreiben auf, das sie ihrem Landesherrn nach Kornelimünster überbrachten:

Hochwürdig – Hochwohlgebohrner Freyherr,

gnädiger Herr Administrator!

Euer Hochwürden Gnaden haben wir Kringeler Nachbahren vor etwa acht tägen unterthänig vorgetragen, daß wir mit Vorwissen unseres Herrn Pastors in dasiger gegend ein Capellgen errichtet, um darin, außer Sonn- und Feyertäg, ein heilige Meß für die von der pfahrkirch weit entfernten lesen lassen zu können. Wir contestiren dabey, und contestiren hirmit nochmahl, nicht gewust zu haben, daß darzu vorläufig der consensus Domini Territorialis erforderlich seye, ansonsten wir nicht ermangelet haben würden, unsere pflicht und schuldigkeit auch vorläufig zu beobachten.

Diesen aus unwißenheit begangenen fehler bitten wir nochmals gnädig nachzusehen.

Euer Hochwürden Gnaden geruheten dabey uns, statt des gnädigen Consensus, die nicht besorgung deren Nothwendigkeiten zu behuf der Pfahrkirchen zu verweißen, und dahero die Niederreißung der erbauten Capell unter straff 20 rthlr zu befehlen.

Hochdieselbe erlauben aber gnädig sich vorstellen zu laßen, daß diese Capell nur von zwey deren sieben Eilendorffer Rotten, nemblich von denen am Kringel wohnenden auß privat Mittelen erbauet und besorget, ohne daß dardurch weder die übrige Rotten belästiget, weder das sonst zur Pfahrkirch dienende darfür angegriffen wird fürs erste und fürs anderte, daß noch seit kurtzem /:ohne zu melden, waß vor etwa zwey Jahren zur reparation deren Paramenten hergegeben:/ der Kirch Meister Adam Krämer ein neues Meßbuch, zwey neue alben, ein Röcklein angeschafft, zwey alte Meßbücher aufs neu einbinden laßen, wir nicht weniger annoch gestern ein neues fahnen Creutz gekauft und bezahlt haben.

Worauf Euer Hochwürden Gnaden ermeßen werden, daß die von dem Reichsbüsch herkommende Gelder zu behuf der Pfahrkirch verwendet, und ins künftige, so viel an uns ist, also zur Nothwendigkeit verwendet werden sollen.

Da wir nun unsere willfährigkeit, in Erfüllung Ew. Hochwürden Gnaden hohen absehen, unserer seiths bezeigt, so vertrösten wir uns des gnädigen Erhörs, und bitten unterthänig den ertheilten mündlichen befehl der demolition einzuziehen, und statt dessen den gebettenen Consensum in Gnaden zu ertheiIen.

Wir ermangelen auch nicht für hoch dero Erhaltung und wohlfarth des hohen Reichs=stiffts alda den allerhöchsten anzuflehen.

Ew. Hochwürden Freiherrl. Gnaden

unterthäniger Kringeler Nachbarschaft zu Eilendorff

Auf der letzten Seite dieses Schreibens folgt dann noch der Zusatz:

Unterthänig fernere Vorstellung, Supplication und bitt, wir dabei von seithen der Kringeler Nachbahren zu Eilendorff.

ad Manus (Illmos)

0b es nun das Anerbieten des letzten Absatzes war, Gottes Segen für das Wohlergehen der Abtei zu erflehen, oder die angeführte Gebefreudigkeit der „Kringeler“, die den Administrator zur Erteilung des erbetenen Consens bewegten, wissen wir nicht. Seine Antwort an die Eilendorfer ist uns jedoch überliefert:

(Prahs.) hoc 31. May 1777

Unter dem, bey gegenwärtiger Supplica, gethanen anbieten, und deßen befolgung, daß der Pfahrkirch an denen Nothwendigkeiten kein Abgang seyn solle, wird der gebettene Consensus ertheilet.

Sigl. Reichs=stift St. Cornely=Münster

den 2. Juny 1777

Carl Caspar freyh. von der Horst

Administrator

So ist es letztendlich dem Großmut des letzten Administrators der Fürstabtei Kornelimünster zu verdanken, dass Eilendorf heute noch eine Kapelle aus dieser Zeit aufzuweisen hat.

Heute zeugen noch viele alte Bruchsteingebäude im 0berdorf von ihrer ehemaligen landwirtschaftlichen Nutzung. Das ursprüngliche Thelen’sche Anwesen an der unteren Heckstraße, heute vorbildlich restauriert. Foto: Hubert Beckers
Auch dem Anwesen der Familie Bausch sieht man seine frühere Nutzung als Bauerngehöft an. Foto: Hubert Beckers

Einige Jahre nach dem vorstehenden Schriftwechsel, am 30. Juni 1780, erteilte die Erzbischöfliche Behörde aus Köln dem Administrator von dem Horst seinerseits die Genehmigung, „daß er das der Öffentlichkeit zugänglich erbaute Kapellchen im Gebiet der Pfarre Eilendorf in der Nähe von Aachen -zu Ehren der hh. Jungfrau und Märtyrin Apollonia benedizieren lassen könne, um dort unter festgesetzten Bedingungen zu zelebrieren“.

Aus einem im Jahre 1829 angelegten „Lagerbuch über das Vermögen und die Gerechtsame der gegenwärtig zu der Archi-Diözes Köln gehörigen katholischen Gemeinde zu Eilendorf *3, welches von Pfarrer Franz Joseph Pauly und den übrigen Kirchenvorstandsmitgliedern *4 unterzeichnet und von der preußischen Regierung genehmigt werden musste, entnehmen wir folgende Notiz über die St. Apolloniakapelle:

„Diese in der Gemeinde Eilendorff, in der Eßigs-Heide Iiegende, ringsum von Gemeinde-Gründen umgebene, in Stein gebaute und mit Schindeln gedeckte Kapelle, ist in Hinsicht ihres Ursprungs oder ihrer Entstehung nichts bekannt. Es enthält dieselbe eine Größe von 2 Ruthen, 60 Fuß, magdeburgisch und ist sie bei der Bergischen Feuer-Ahsekuranz mit 30 Rthlr. versichert. Es wird in dieser Kapelle Gottesdienst gehalten, deßen Kosten von den Nachbarn bestritten werden. „

über die Anzahl der in der St. Apolloniakapelle gefeierten hl. Messen informiert uns das im Pfarrarchiv St. Severin erhaltene „Auslage- und Einnahmebuch der Kapellen zur hl. Apollonia und zum hl. Antonius zu Eilendorf“, welches die Zeitspanne von 1855 bis 1886 festhält. Aus diesem Buch ersehen wir, daß in den Jahren in der Kapelle gefeiert wurden:

Anzahl der Messen von 1858 bis 1870

Auch in den folgenden Jahren 1871, 1872, 1873, 1878, 1880 und 1881 fanden nur noch jeweils ein jährliches Hochamt am 9. Februar, dem Namenstag der Patronin, dort statt. Trotz dieser enormen Einschränkung muß der Opferwille der Bevölkerung im Oberdorf ungebrochen gewesen sein, denn immerhin konnte 1881, nach Abzug aller Unkosten, noch ein Überschuss von 273,75 Mark gemeldet werden, der ausschließlich dem Opferstock der Kapelle entstammte.

In einer letzten Anmerkung des Buches schreibt der damalige Vikar Bruns *5:

„Der Überschuß, welcher aus dem 0pfer in der Kapelle zur hl. Apollonia nach Abzug der Ausgaben für den dienstthuenden Geistlichen und Küster erzielt wurde, wurde zugleich mit dem Überschuß aus den Beiträgen für den Verein des lebendigen Rosenkranzes der Kasse für Ausstattung der Kirche überwiesen und daselbst unter dem Titel „Rosenkranz-Verein“ verrechnet, so daß bei Übergabe dieses Buches an den Pfarrer ein Kassenbestand nicht vorhanden war.“

Bebaung im Bereich der St. Apolloniakapelle um 1910

Dicht an der Kapelle vorbei lief damals noch der sogenannte „Gringelsbach“, dessen Wasser aus den früher feuchten Wiesen hinter der heutigen Pfarrkirche St. Apollonia kam. Erst 1869 wurde dieser Bach im Bereich der Kapelle kanalisiert, lief dann jedoch noch bis um die Jahrhundertwende vom „Gringel“ in Richtung Marktplatz offen neben der Straße her, um am Markt in den Haarbach zu münden. Die Kapelle selbst, einst bescheidener Mittelpunkt des religiösen Lebens im Oberdorf, verfiel während und nach der Zeit des Kulturkampfes immer mehr und wurde zeitweise sogar als Abstellschuppen zweckentfremdet. Glücklicherweise hat sie das Schicksal der St. Antoniuskapelle in Nirm nicht geteilt, die nach dem Kulturkampf wegen Baufälligkeit abgerissen werden musste.

 

*1 Diese Jahreszahl wird u.a. genannt in: Handbuch des Bistums Aachen, 1962 Festschrift „Wir bauen eine Kirche“, 1957

*2 Die Herrschaft Eilendorf war während der abteilichen Zeit in sieben Rotten (kleinste Verwaltungseinheit) unterteilt.

*3 Dieses Lagerbuch befindet sich im Pfarrarchiv St, Severin

*4 Dem Kirchenvorstand gehörten 1829 an: Pfarrer Franz Joseph Pauly, Bürgermeister Wilhelm Geulen, sowie die Mitglieder Matthias von Hoegen, Matthias Kogel, Johann Clermont, Kind und Fischer.

*5 Vikar Josef Anton Hubert Bruns wirkte von 1864 bis 1886 an St. Severin. Er verstarb, 74-jährig, 19O5 als Definitor und Pfarrer in Heisingen bei Essen. Er gilt als Gründer des Kirchenchores von St. Severin

 

Mit freundlicher Genehmigung unseres Mitglieds
Hubert Beckers
aus dem Buch von 1986:
Aus der Geschichte der Pfarre St. Apollonia Aachen-Eilendorf
Ein geschichtlicher Rückblick anlässlich des Jubiläums
„25 Jahre Pfarrkirche St. Apollonia“
am 24. Und 25. März 1986